Barsch aus dem Becken
09.12.2009

Im Saarland entsteht derzeit eine weltweit einzigartige Aquakulturanlage, die Seefisch für Gourmet-Restaurants produzieren soll. Mit dem zwölf Millionen Euro teuren Projekt will die Fischzucht-Industrie auch ihr schlechtes Image aufpolieren.

Wolfsbarsch und Dorade vom Festland? "Unmöglich", würden Fischer sagen. Schließlich leben die Tiere im Meer. Doch schon im nächsten Jahr sollen 500 Tonnen Seefisch auf einer Farm im Saarland gefangen werden - mitten auf dem Kontinent. Die International Fish Farming Technology (IFFT) aus Bergisch Gladbach errichtet fünf riesige Hallenbecken auf einem ehemaligen Kokereigelände in Völklingen. Hier sollen sich in wenigen Monaten Stör, Steinbutt, Fluss- und Wolfsbarsch sowie Goldbrasse vermehren. Es ist die erste Anlage dieser Art.

Mit dem zwölf Mio. Euro teuren Vorzeigeprojekt soll die Aquakultur ihren schlechten Ruf ablegen. Garnelen, vollgepumpt mit Antibiotika, kranke Fische, zusammengepfercht in Käfigen, verkotete Anlagen und zerstörte Natur - die Fischzucht auf Land machte bisher vor allem mit negativen Schlagzeilen von sich reden.

Doch die Ozeane geben nicht mehr viel her, die Wildfänge stagnieren. 88 Prozent der Bestände in EU-Gewässern sind überfischt, klagt die Europäische Kommission. Weil die Weltbevölkerung aber wächst und mit ihr der Nahrungsmittelbedarf, ist die Aquakultur der einzige Ausweg. Schon heute stammt jeder dritte Fisch aus künstlichen Anlagen. Die Produktion werde steigen, sagt Holger Wurl von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Die Welternährungsorganisation FAO rechnet damit, dass sich Fänge aus Farmen bis 2050 mehr als verdoppeln.

Lob von Experten

Eine saubere Lösung sehen Fachleute in geschlossenen Kreislaufanlagen. Diese haben mit offenen Fischfarmen vor der Küste oder Käfigparks im Ozean nichts gemeinsam. Die Fische wachsen in Hallen unter kontrollierten Bedingungen auf, abgeschirmt von der Außenwelt.

Die Fischfarm des IFFT setzt diese Vorgabe kommerziell um. Temperatur, Wassermenge, Sauerstoff-, Stickstoff- und Phosphatgehalt, Licht und Schadstoffe: Die Umweltbedingungen werden rund um die Uhr kontrolliert. Die Beleuchtung ist dem Tageslicht im natürlichen Lebensraum nachempfunden. Fenster gibt es nicht - dafür dämmert es zu Zeiten wie am Mittelmeer. Die Setzlinge werden steril in Quarantäne aufgezogen. Wer die Hallen betritt, muss Schuhe und Hände desinfizieren. Das soll ausschließen, dass die Tiere an eingeschleppten Erregern erkranken.

Die Anlage säubert das Wasser mechanisch, chemisch und biologisch. In Völklingen strömt es unter anderem von oben in einen Turm, durch den Luft im Gemisch mit Ozon aufsteigt - ein bewährtes Desinfektionsmittel."Es geht nicht darum, alle Bakterien zu töten, sondern organische Stoffe zu entfernen und die Zahl der Mikroben zu senken", sagt Uwe Waller. Der Stiftungsprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes begleitet den Aufbau der Farm.

Bei der Behandlung mit Luft und Ozon sammelt sich Schaum an der Wasseroberfläche. Die Anlage trennt diesen ebenso wie den Fischkot ab und wandelt ihn in einer Biogasanlage in Energie um. Nur einen kleinen Teil davon braucht die Fischfarm selbst, die überschüssige Wärme heizt die Haushalte im Umland. Im Kleinen funktioniert die High-Tech-Fischzucht schon. In Uetze-Eltze bei Hannover kreisen rund 30000 Wolfsbarsche. Zehn Tonnen Fisch erntet die Pilotanlage pro Jahr. Im Forschungsvorhaben "Polyintegrierte Seewasser-Aquakultur" (Pisa) ersann der Aquarienhersteller Erwin Sander das aufwendige Reinigungsverfahren.

Auch IFFT setzt auf Sanders Technik. Die Farm in Völklingen muss sich jedoch selbst tragen - daher sollen die Kunden möglichst zahlungskräftig sein. "Wir peilen das Gourmetsegment an", sagt Firmenchef Friedrich Esser. Das Pisa-Projekt hat die Vorarbeit geleistet: Immer wieder kosteten französische und saarländische Spitzenköche den Fisch. "Die Qualität ist mit unbelastetem Wildfisch zu vergleichen", sagt Waller. In der High-Tech-Farm gebe es weder Algenblüte noch Schwermetalle.

Fisch für den Discounter wird im Saarland auf absehbare Zeit nicht gefangen. "Geschlossene Anlagen sind energieintensiv, weil das Wasser ständig gepumpt werden muss", sagt Aquakulturexperte Henner Neuhaus von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. "Das lohnt sich nur im Hochpreissegment." Für billige Arten wie Garnelen oder Lachs ist die High-Tech-Farm nicht geeignet.

Forscher suchen neues Fischfutter

Damit IFFT den Meeresbauernhof wirtschaftlich betreiben kann, musste das Unternehmen zudem die Energiebilanz gehörig aufpolieren. Daher nicht nur die Biogasanlage, sondern auch der Wasserkreislauf: Nur ein Prozent sprudelt am Tag aus der Leitung, Abwasser gibt es nicht. Waller will die Kosten weiter drücken. Die stickstoff- und phosphatreichen Wässer aus den Fischbecken sollen Speisealgen und Seespargel in einem separaten Bassin nähren.

Ganz im Einklang mit der Natur ist die Aquakultur damit noch nicht. Laut Greenpeace wird für ein Kilo gezüchteten Lachs bis zu fünf Mal so viel wild gefangener Fisch verfüttert. Ein nachhaltiges Konzept sei das nicht, kritisiert die DBU. Auch die Firma IFFT ist keine Ausnahme."Im Futter ist schon Fischmehl drin", sagt Esser. "Das ist ein Problem. Wir arbeiten daran, die Menge zu reduzieren."

Die Forschung für ein vegetarisches Futter hat gerade erst begonnen. Das Institut für Tierzucht und Tierhaltung an der Universität Kiel versuchte in den vergangenen Monaten erstmals, Forellen mit Kartoffeleiweißen aufzupäppeln. Doch ob den Tieren die pflanzliche Kost gut bekommt, müssen die Forscher erst noch untersuchen.

http://www.handelsblatt.com 2009-12-08

Fenster drucken   Fenster schließen